Bräuche rund um die Geburt


Geburt und „Waisat“

Die Frauen brachten früher ihre Kinder überwiegend zu Hause zur Welt, nur eine Hebamme - man holte sie, wenn die Geburt kurz bevorstand - half der Gebärenden. Die Frau mußte anschließend bei sehr karger Kost etwa sieben, acht Tage lang das Bett hüten. In dieser Zeit versah eine Frau des Dorfes, die „Auwoschtain“, den Pflegedienst („auwoschtn“ heißt gut pflegen, bedienen). Die Wöchnerin bekam während der ersten Tage nur eine klare „Heinnsuppe“, von der es hieß, sie heile innerlich. Vor dem Hof herumliegende Hennenköpfe, so erzählt man im Ahrntal, galten als ein untrügliches Zeichen dafür, daß eine Wöchnerin im Hause war.

Später bekam die Wöchnerin als Stärkung ab und zu gar eine Schale frische Milch - damals eine ausgesprochene Delikatesse und Rarität. Dann kam viel Besuch von Verwandten und Nachbarn, welche das Kind begutachteten und „Waisat“ mitbrachten, meistens „moura Blattlan“, einige Hefeteigzöpfe oder -kränze. Die Bäuerinnen besuchten sich untereinander und brachten als „Waisat“ außerdem einen Meter Stoff für das Kind oder manchmal einen Kilo Würfelzucker mit.

 

Taufe

Getauft wurde das Kind meistens durch den Kooperator schon wenige Stunden nach der Geburt, denn man fürchtete, das Kind könnte mit der Erbsünde sterben und daher für immer verloren sein. Auch sagte man, man dürfe doch einen „Heiden“ nicht lange im Hause behalten! Die Tauffeier (im Sommer in der Kirche, im Winter im Widum) fand verständlicherweise immer ohne Beisein der Mutter statt, aber auch ohne den Vater, der es - damals - unter seiner Würde empfand, daran teilzunehmen. War das Leben des Kindes gefährdet, durfte auch die Hebamme bei der Geburt die Nottaufe spenden.

Die Taufe mit frisch geweihtem Oster- und Pfingstwasser hatte eine besondere Bedeutung; nur ehelich geborenen Kindern wurde diese Ehre zuteil.

Kinder lediger Mütter bekamen, um sie zu brandmarken und die offensichtliche Schande deutlich sichtbar zu machen, manchmal einen besonders ausgefallenen Namen, den strenge Großmütter oder Pfarrer aussuchten, wie z. B. Pelagia, Portiunkula, Agatha, Skolastika, Kunigunde, Tobias, Elias, Polykarp, Lazarus, Titus, Pankraz, Bonifaz, Kosmas. Unehelich geborene Kinder durften später keinen geistlichen Beruf ergreifen.

 

Aufsegnen

 Frauen, die ein Kind geboren hatten, mußten sich,  bevor sie wieder in die Kirche gehen und die Sakramente empfangen durften, vom Pfarrer „aufsegnen“ lassen. Dieser Brauch soll dem „Maria Tempelgang mit Tauben“ nachempfunden sein. Laut Begründung der Kirche sollte die Frau vor den Einflüssen der bösen Geister geschützt werden. Die Wöchnerin durfte vor dem kirchlichen Aufsegnen nie allein gelassen werden, und sie durfte den „Trupfschtoll“ (Reichweite der Traufe) niemals verlassen, denn sonst, so fürchtete man, würde sie fortgetragen werden. Innerhalb der Reichweite der Traufe, so glaubte man, hätten die bösen Geister keine Macht über sie.

Die Frau ging immer alleine zum Aufsegnen. Der Pfarrer kam im Chorrock aus der Kirche und empfing die Frau im „Guggo“, im Windfang vor dem Eingangstor zur Kirche. Eine von der Frau mitgebrachte, geweihte Kerze wurde angezündet, die Frau kniete sich auf die Schwelle. Der Pfarrer sprach ein Segensgebet für Frau und Kind, legte seine Stola um ihren Arm und führte sie in die Kirche. Den Frauen, welche ein uneheliches Kind geboren hatten, wurde das Aufsegnen verweigert. Für seinen Dienst der Wiederaufnahme in die kirchliche Gemeinschaft erwartete der Pfarrer eine Geld- oder Lebensmittelspende.

 

Tauf- und Firmpate

Die Paten hatten vor allem eine moralische Vorbildfunktion zu erfüllen. Außerdem erwarteten die Patenkinder von ihnen das ganze Leben lang um Neujahr ein Geschenk. Dafür wurde den Paten höchste Anerkennung zuteil: Traf das Patenkind seinen Paten, so wurde ihm jedesmal als Zeichen der Hochachtung die Hand gereicht. Diese Ehre wurde außerdem nur noch dem Pfarrer und dem Lehrer zuteil.

Früher erhielten die Kinder bei der Taufe von ihrem Taufpaten die sogenannte „Töütnbixe“, eine hölzerne, runde, manchmal bemalte, mit einem Schraubverschluß versehene Sparbüchse, dazu geweihte „Taafpfennige“.

Gefirmt wurde früher nur in St. Johann - ältere Ahrntaler erinnern sich noch an den weiten Fußweg dorthin. Zum Anlaß der Firmung schenkte der „Firmteïte“ seinem Patenkind meistens eine Uhr oder „öppans van Giwonte“. Wer religiöse Andenken kaufen wollte, konnte dies bei der „Botto Warbl“ oder auch bei anderen Händlern tun, die aus Anlaß der Firmung in St. Johann ein Verkaufsständchen aufbauten.

 

Lulla

Kinderschnuller kannte man früher nicht, und so verwendete man eben andere Hilfsmittel, um das Kind zu beruhigen: Ein Stücklein Brot oder ein Tüchlein, in das ein Löffel voll Mus gefüllt war, wurde den Kindern in den Mund gesteckt.

Wenn das Kind nicht einschlafen konnte, flößte man ihm einen Tee aus gekochten Mohnkapseln, seltener auch etwas Schnaps ein; die Kinder schliefen dann so tief wie ein Bär im Winter - so versichern ältere Ahrntalerinnen.

Vereinzelt hört man im Ahrntal auch, daß man einem Kind unter zehn Jahren niemals rohe Eier geben darf, denn sonst „ziglgg“ man einen Gauner (zigl = aufziehen).

 


© Öffentliche Bibliothek Ahrntal

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Diese Seite wurde am 20. September 2002 aktualisiert.
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