Brauchtum zum Thema Sterben


Wenn jemand in den letzten Zügen liegt, holt man den Pfarrer, damit der Sterbende noch die Sterbesakramente empfangen kann, die Beichte, die Kommunion und die „Letzte Ölung“ (Krankensalbung). Früher hielt der Sterbende, wenn möglich, selber eine geweihte Sterbekerze, während der Geistliche mit dem Gebet „Fahre hin, christliche Seele...“ die Seele des Sterbenden „aussegnete“.

Stirbt jemand, so ist es Brauch, daß das „Ziigngleiggl“ (von: in den letzten Zügen liegen) läutet, wobei Unterschiede gemacht werden, je nachdem, ob der Tote aus der Pfarrei oder von auswärts stammt. In der Kirche und bei der Arbeit, die für einen Augenblick ruht, wird ein Gebet für den Toten gesprochen. Auch hier unterschied man früher: Stammte der Tote aus der Pfarrei, so wird der lange Ablaß, bestehend aus fünf „Ave Maria“, fünf „Vaterunser“ und fünf „Herr, gib ihm die Ewige Ruhe“, gesprochen. Stammte der Tote von auswärts, so wurden oben genannte Gebete nur dreimal wiederholt.

Die Totenmesse wurde früher vor allem „angesagt“: Ein Familienangehöriger ging zu den Verwandten und Bekannten des Toten, brachte die Todesnachricht und bat ums „Kirchngiëh“. Auch heute noch besteht der Brauch des Kirchenansagens, allerdings geht man nur mehr zu den Verwandten.

 

„Leiche liegen“

Heute wird der Verstorbene zu Hause im Sarg aufgebahrt; bis herauf in die 70er Jahre war es im Ahrntal Brauch, die Toten höchstens mit einem Leintuch zuzudecken oder gar offen aufzubahren. Dies geschah besonders mit Kindern, welche als „unschuldige Engel“ gelten. Es wird erzählt, daß deshalb oft Neugierige kamen, um „Laiche zi schaugn“. Die Toten wurden in ihr bestes Gewand gekleidet, die zusammengebundenen Hände hielten einen Rosenkranz und ein Sterbekreuz. Zu beiden Seiten des Aufgebahrten wurden Kerzen aufgestellt, davor eine Schale mit Weihwasser. Die Stubenuhr wurde zur Todesstunde angehalten - sie schlug erst wieder, als die Leiche des Verstorbenen aus dem Hause war.

An den Nachmittagen und Abenden vor dem Begräbnis kommen Verwandte, Nachbarn und Bekannte in die Stube, um vor dem Aufgebahrten zu beten und den Angehörigen zu kondolieren. Die Kinder bekommen manchmal als Dank eine Süßigkeit, früher bekamen sie eine Semmel, Kekse, Nüsse oder Äpfel. Die Vorbeter bedanken sich für das Beten und bitten um die Teilnahme am Begräbnis: „Vogelt’s Gött fos Betn, vogelt’s Gött in Himmbl auchn, und sai se güit um’s Kirchngiëh.“

Mancherorts wurde früher auch eine Frau mit dem „Laiche hiëtn“ beauftragt, welche Tag und Nacht über den Verstorbenen und über das Ewige Licht wachte. In St. Johann z.B. versah die „Gaireigg Moidl“ diesen Dienst.

Vor dem Begräbnis wurde um zwölf Uhr „Schidum“ (von: scheiden) geläutet, wobei das Geläute unterschiedlich war, je nachdem, ob ein Mann oder eine Frau gestorben war. Bei einem Mann läutete die große Glocke zuerst, dann die kleineren, bei Frauen war es umgekehrt. Die große Glocke mußte immer extra bestellt und auch bezahlt werden, ansonsten wurde sie nicht geläutet.

Während des „Schidumläutens“ treffen sich Verwandte, Bekannte und Freunde im Hause des Toten zum Zwölf-Uhr-Beten.

 

Begräbnis 

Die Begräbnisse finden heute vorwiegend am Nachmittag statt, früher wurden die Verstorbenen am Morgen beerdigt. Heute tragen Nachbarn oder Freunde die Leiche des Verstorbenen, früher war dieses Amt den Männerbünden (den Jungmännern und Männern) vorbehalten. Auch wird die Fahne des Bundes mitgetragen, welchem der Verstorbene angehört hatte. Die Särge wurden von den Bundvorständen mit dem entsprechenden Bundtuch bedeckt, über die Kindersärge breitete man das Tauftuch. Die Leiche verstorbener Kinder trugen hell gekleidete Buben. Die vom Dorftischler gezimmerten Särge waren teils dunkel bemalt, teils naturbelassen, die Kindersärge wurden weiß gestrichen. Auf den Särgen der verheirateten Toten brachte man ein schwarzes Holzkreuz an, auf den Särgen ledig Verstorbener ein weißes.

Die Angehörigen begleiteten früher den Verstorbenen mit brennenden Lichtern zum Begräbnis, es waren die um Maria Lichtmeß geweihten, selbergegossenen Wachsstöcklein.

Nach dem Kondukt und noch vor der Begräbnismesse wurden die Verstorbenen bestattet, wobei die Kinder ihren verstorbenen Eltern einen letzten Liebesdienst erwiesen, indem sie sie ins Grab hoben. Noch während des Magnificat wurde das Grab zugeschaufelt. Dabei versuchte man, auf die Gefühle der Angehörigen Rücksicht zu nehmen, indem man besonders im Winter achtgab, daß die Erdschollen nicht allzusehr auf den Sarg krachten. Dies versuchte man zu verhindern, indem man zuerst Stroh auf den Sarg legte.

Wenn die Leute vom Friedhof in die Kirche kamen, begann dort das Requiem (gesungene Totenmesse). Meistens waren sechs oder sieben Geistliche anwesend. Sie alle lasen eine stille Beimesse an den Seitenaltären, d. h. die Messen fanden nicht in Konzelebration statt. Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde der gemeinsame Begräbnisgottesdienst eingeführt. Nach dem gesungenen Totenamt folgte meist noch ein „Lobamt“, bei dem die Tagesmesse oder eine Votivmesse gesungen wurde. Nach dem Gottesdienst wurde dann das Libera am Grab gehalten. Der Priester suchte in Begleitung der Leute noch einmal das Grab des Verstorbenen auf und segnete es.

Totgeborene, ungetaufte Kinder, „Luthrische“ und Selbstmörder wurden früher „still“ und bei Nacht und Nebel auf einem ungeweihten Teil des Friedhofes beerdigt.

Gedenkmessen für die Toten bestellten früher die Leute selten. Für die Angehörigen der verschiedenen Bünde las man einige Zeit nach dem Begräbnis die Bundmesse und betete den „Bundrüesna“ - dies geschah auf Veranlassung der jeweiligen Bünde.

 

"Mahlile" (Totenmahl)

Nach den Begräbnisfeierlichkeiten werden alle Verwandten des Toten, die Angehörigen der Vereine, die Träger, die Sänger und der Mesner zum „Mahlile“ im nahen Gasthaus geladen, wo es meistens eine Fleischsuppe gab. Die Geistlichen, welche an den Begräbnisfeierlichkeiten teilgenommen hatten, wurden im Widum verpflegt, die nahen Verwandten im Hause des Verstorbenen.

 

Grabkreuz

Die Grabkreuze waren früher aus Holz gefertigt und ganz schlicht; sie trugen den Namen des Verstorbenen, nur manchmal wurden sie bemalt oder mit einem geschnitzten Herrgott verziert. Gußeiserne und schmiedeeiserne Kreuze wurden erst später aufgestellt. Ebenfalls aus Holz gefertigt war die Grabeinfassung, bei Kindergräbern wurde sie weiß angemalt.

Kränze wanden die Leute selber aus Fichtenzweigen, und sie wurden mit schwarzen Kreppapierrosen verziert; später waren bemalte Blechkränze üblich, welche man auch um Allerheiligen verwendete.

 

Trauervorschriften 

Für die Hinterbliebenen des Verstorbenen galten genaue Trauervorschriften: Ehepartner und Mutter trauerten ein Jahr lang um ihren Toten, die Taufpaten und der Vater ein halbes Jahr, die Geschwister und der Firmpate drei Monate; Cousinen, Onkel und Tanten mußten sechs Wochen lang die Trauervorschriften befolgen. Frauen mußten in dieser Zeit in der Öffentlichkeit schwarze Kleidung, Männer eine schwarze Krawatte oder ein kleines, am Rocksaum befestigtes Samtband tragen. In der Trauerzeit mußte man auf „öffentliche Lustbarkeiten“ verzichten; die Angehörigen des Verstorbenen durften ein Jahr lang nicht heiraten.

Über Jahrzehnte hindurch wird des Toten am „Joutog“ (früher durch ein feierliches Jahrtagsamt mit Bitten, Grabbesuch und Libera) gedacht, wobei der erste Jahrtag besonders feierlich und würdig begangen wird.

Auch im Ahrntal gibt es schon lange den Brauch, im Gedenken an den Verstorbenen die sogenannten „Sterbebildlan“ drucken zu lassen; man verteilt sie an die Verwandten und Bekannten des Toten. Sie sollen an den Verstorbenen erinnern und zum Gebet ermahnen.

  

© Öffentliche Bibliothek Ahrntal


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Diese Seite wurde am 20. September 2002 aktualisiert.
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