5. Juni 1945:
"Plötzlich hat's ganz wild gekracht"


Birnlücke 1945:
16 Tote und vier Verletzte beim Absturz eines amerikanischen Bombers
(Dolomiten, vom Freitag, 01. Juni 2001. Ein Bericht von Eduard Tasser)



August 2002... was bleibt sind Spuren... (Aufnahme am Absturzort in der Nähe der Birnlücke)

Prettau (ej)- Dienstag, 5. Juni 1945, kurz nach Mittag: Ohrenbetäubender Lärm lässt die Prettauer aufblicken. Ein Tiefflieger zieht über das Dorf hinweg Richtung Birnlücke. "Der Bomber flog niedriger als der Kirchturm. Alles hat gezittert", erinnert sich Rosa Tasser. "An der Lucke gab es einen Knall, der weitum zu hören war."

Noch keinen Monat ist es her, dass Prettau von der Rückzugswelle deutscher Soldaten überrollt worden war. Nun donnert plötzlich ein amerikanisches Militärflugzeug ins Tal und gegen die Felsen am Talende. Sogleich machen sich Männer des Dorfes, unter ihnen Pfarrer Josef Korin, auf den Weg zur "Lucke", wie die Prettauer den Talschluss  nennen.

Nicht weit von der Birnlückenhütte treffen sie auf das Wrack eines abgestürzten amerikanischen Bombers. 16 der 20 Insassen sind tot. Vier können lebend geborgen und ins Tal gebracht werden.


absturz

Amerikanische Aufnahme des verunglückten Bombers an der Birnlücke vom 06. Juni 1945, am Tag nach dem tragischen Absturz.


Rosa Tasser erinnert sich: "Mein Onkel, Alois Mittermair, hatte damals einen Pferdewagen mit Gummireifen. Weil der ein bisschen gefedert war, haben sie darauf die Verletzten ins Dorf gebracht. Die Nacht über waren dann einige Verletzte bei uns in der Stube. Meine Tante, die in London klöppeln gelernt hatte, konnte nämlich etwas Englisch. Ich weiß noch, wie Doktor Mutschlechner den Verletzten Spritzen gegeben hat."

Tags darauf wurden die Verwundeten abtransportiert und wenige Tage später auch die Toten, die an der Unglücksstelle geborgen wurden.

Zurück blieb eine ausführliche Notiz in der Pfarrchronik (siehe unten) und ein ausgebranntes Flugzeug auf 2400 Metern Meereshöhe. Für die Menschen damals wertvoller Rohstoff: Unter abenteuerlichen Strapazen wurde das Aluminium zu Tal gebracht und allerlei neuen Verwendungszwecken zugeführt. Heute noch soll es in Prettau "Lampenschirme oder Wasserwannen geben, die vom Flieger stammen."

Zurück blieb die Frage, warum Prettau einen Monat nach Kriegsschluss von einem amerikanischen Bomber heimgesucht wurde. Gerüchte und Vermutungen entstanden. Genauer nachforschen wollte aber niemand. Die Schrecken von Faschismus und Krieg und die Wirren des Zusammenbruchs legten der Neugier Zügel an. Zudem galten die Amerikaner zu jener Zeit noch nicht allen als Befreier und Freunde.

Die Geschichte schien die Antwort schuldig zu bleiben. Doch im Februar 2001 trifft in Sand in Taufers ein amerikanisches Ehepaar ein: Claire und Ronald Mullisen sind auf Spurensuche. Sie suchen Spuren eines B- 17- Bombers, welcher unmittelbar nach Kriegsende" hinter Sand in Taufers ungefähr 15 Meilen an der Grenze der österreichischen Alpen" abgestürzt war.

Der Kopilot der Unglücksmaschine ist der Vater von Claire, einer von vier Überlebenden. Die Angaben im Gepäck erweisen sich als wenig zuverlässig, aber nach fünf Tagen haben sich die zwei Amerikaner durchgefragt. Es besteht kein Zweifel: Das an der Birnlücke abgestürzte Flugzeug ist, was sie suchen. William Gibson, der Vater, wartet indes in Colorado, ob Tochter und Schwiegersohn etwas herausfinden. Wenn ja, wolle er selber noch einmal den Unglücksort aufsuchen. Morgen ist es soweit: William Harold Gibson kehrt nach Prettau zurück.


Die Aufzeichnungen des Pfarrers Josef Korin

"Am 5. Juni um die Mittagszeit" (Archiv: ej)

" 5. Juni 1945: Um die Mittagszeit stürzte ein amerikanisches Flugzeug oberhalb der Birnlückenhütte ab. Sogleich fuhr ich mit dem 'Motor' (Motorrad; Anm. d. Red.) bis Trinkstein und ging mit ca. 15 Begleitern zur Unglücksstelle. Man fand dort noch fünf Lebende vor; die anderen 14 oder 15 (bessere Offiziere, die von Pisa zu einem Spazierflug aufgestiegen waren) waren bereits tot, teilweise verbrannt; einer starb etwa nach einer halben Stunde... Als man mit den Verwundeten das Flugzeug verließ, brannte ganz vorne am Kopfe des Flugzeuges ganz drunten in einem ca. 2 Meter tiefen Schneeloch ein kleines Feuer; der linke Flügel war vollständig verbrannt, während der rechte noch unversehrt und voll Benzin war, welcher nach Aussage einiger Begleiter brodelte. Derjenige, welcher erst nach einiger Zeit starb, wurde noch ins Flugzeug getragen, damit er vor dem drohenden Gewitterregen geschützt sei. Bei Heilig Geist wurden die Verwundeten den mit dem Auto angekommenen Amerikanern übergeben. Auch Dr. Mutschlechner war anwesend... Die Bergung der Leichen, vorgesehen für den nächsten Tag, geschah nicht, weil die Amerikaner nicht mehr kamen, und zirka 10 Uhr Vormittag begann das Flugzeug neuerdings zu brennen, und so verbrannten alle Leichen und alles was drinnen war. Es war unbegreiflich, wie nach dem ausgiebigen Regen in der Nacht noch Feuer vorhanden sein konnte; aber auch sichere Zeichen eines Verbrechens konnten nicht festgestellt werden... Einige Decken und Fallschirme verblieben den Begleitern als einziger Lohn für ihre große Mühe; es wurde wohl Zahlung versprochen, aber nie gehalten."


Der Luftkampf 1943 |  Der B-17-Bomber |  Der Überlebende |  Die Erinnerung |  Judenzug 1947