"In einem Tal mit totem Ende"




Kopilot William H. Gibson überlebte schwer verletzt den Absturz

Seine Erinnerungen


Die Gedenktafel am Absturzort an der Birnlücke. Aufnahme: August 2002

Colorado/Prettau (ej)William Harold Gibson befand sich als Kopilot in dem umgerüsteten B-17- Bomber, welcher vor 56 Jahren im hintersten Ahrntal abstürzte. Für die "Dolomiten" hat der ehemalige Leutnant der US Air Force seine Erinnerungen vorab aufgeschrieben.

"Am 5. Juni 1945 sollte ich die Besatzung des B-17 nach München fliegen, um Ziele, die wir während des Krieges bombardiert hatten, zu fotografieren. An Bord waren 20 Personen: vier Besatzungsmitglieder (darunter Pilot Mason und ich als Kopilot) und 16 Passagiere.

Der Flug sollte über Norditalien zum Gardasee und über Bozen hinauf zum Brennerpass führen. In Brixen tat sich vor uns ein großes flaches Tal auf. Auf Anweisung des Navigators nahmen wir das Tal zur Rechten und hielten so lange Kurs, bis es nach einigen Minuten nach links zog. (Anm. der Red.: Die Besatzung war nach Brixen also irrtümlicherweise nicht ins obere Eisacktal, sondern ins Pustertal und dann "links" ins Ahrntal abgebogen).

Zu diesem Zeitpunkt begann die Sache verdächtig auszusehen. Nach ein paar Minuten waren wir gezwungen, bie Sand in Taufers rechts abzubiegen, nicht wissend, wo wir waren. Erst dann sahen wir, dass wir uns in einem Tal mit 'totem Ende' befanden. Wenn ich mich recht erinnere, befanden wir uns auf einer Höhe von 1600 Metern, als wir den Fehler entdeckten.

Da das Tal zu eng war, um umzudrehen, war die einzige Möglichkeit, so schnell wir möglich aufzusteigen, um den Talschluss, der mit Schnee und Eis bedeckt war, überfliegen zu können. Gerade als es aussah, dass wir es über den Pass schaffen würden, fühlte ich, dass das Flugzeug zitterte und überzog. Das war gegen 12.30 Uhr und das Letzte, an das ich mich vor dem Absturz erinnern kann. 

Am Nachmittag erlangte ich für wenige Minuten wieder das Bewusstsein: Ich erfasste sofort, was passiert war. Ich hörte ein Feuer brennen und Wasser rinnen. Ich konnte vom Feuer wegkriechen, verlor dann aber wieder das Bewusstsein. Viel später erfuhr ich, dass nur vier den Absturz überlebt hatten. Der Pilot und ich hatten Glück, weil wir beim Aufprall durch die Windschutzscheibe in den Schnee geschleudert wurden.

Als ich an diesem Nachmittag wieder für einige Minuten das Bewusstsein erlangte, waren die Retter dabei, die Überlebenden vom Berg hinunter zu schaffen. Ich glaube, dass die mich auf irgend einen Schlitten legten. Auch erinnere ich mich, irgendwo mit Seilen einen Felsen hinabgelassen worden zu sein. Als Nächstes erinnere ich mich an die Nacht in irgend einem Haus- niedriger als die Straße. Anscheinend bewachte mich ein US- Soldat."

Hier brechen die Erinnerungen von William Gibson ab. 

Auch Pilot John Mason überlebte den Absturz an der Birnlücke. Er wechselte später in die zivile Luftfahrt. Als Pilot einer Frachtmaschine verunglückte er noch einmal. Diesen Absturz überlebte er nicht.

Die zwei anderen Überlebenden hat Gibson nie wieder getroffen. Auch weiß er nicht, wo die 16 toten beerdigt wurden. Sicher nicht in Prettau, und "da es in Italien keine US- Friedhöfe gibt, müssen die sterblichen Überreste wohl in die USA überführt worden sein."


5. Juni 2001: William Harold Gibson, der Überlebende des Flugzeugabsturzes vor 56 Jahren, ist im Ahrntal und schildert seine Erlebnisse den Schülern der Mittelschule St. Johann

 

William Harold Gibson und der Englischlehrer und Dolmetscher Hannes Mayr 

 


William Harold Gibson schreibt Autogramme für die Schüler:
"Ich kann mich nicht erinnern, in meinem Leben schon einmal so herzlich empfangen worden zu sein."


Amerikanische Aufnahme des verunglückten Bombers
an der Birnlücke vom 06. Juni 1945, am Tag nach dem tragischen Absturz.


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